Works 2011

Kind sein ist toll! Ist das wahr?

Leserbrief mit der Signatur A.L. (Astrid Lindgren) zu einer Debatte in Dagens Nyheter, 7. Dezember 1939

Es ist nicht leicht, ein Kind zu sein, las ich kürzlich in einer Zeitung und ich war perplex, denn es passiert ja nicht jeden Tag, dass man etwas in der Zeitung liest, was wirklich wahr ist. Da spricht ein Revolutionär.

Es ist nicht leicht, ein Kind zu sein, nein! Es ist schwer – sehr schwer sogar. Was bedeutet es eigentlich, ein Kind zu sein?

Es bedeutet, dass man zu Bett gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne und die Nase putzen muss, wenn es den Großen passt und nicht einem selbst. [...]

Es bedeutet ferner, dass man ohne zu klagen sich die persönlichsten Bemerkungen von Seiten eines jeden Erwachsenen anhören muss, die das eigene Aussehen, den Gesundheitszustand, die Kleidung, die man trägt, und die Zukunftsaussichten betreffen.

Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man die Großen in derselben Art behandeln würde.

Dieser Gedanke ist eine richtig harte Nuss!

Seit mein Kind auf der Welt ist, bekomme ich in unregelmäßigen Abständen Panikanfälle, dass ihm etwas Schreckliches zustoßen könnte – insbesondere, wenn die Medien gerade wieder einen Fall von Kindesentführung und -missbrauch genüsslich ausschlachten. In zahlreichen Gesprächen mit anderen Eltern ist mir klar geworden, dass ich nicht die Einzige bin, die sich mit diesem äußerst stressvollen Thema herumschlägt. In diesem Artikel werde ich deshalb einen in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchenden Gedanken mit The Work of Byron Katie hinterfragen. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?”

Meinem Kind soll nichts passieren.

1. ) Ist das wahr? – Ja!

2.) Kannst Du absolut sicher sein, dass das wahr ist? – Ja!

3.) Wie reagierst Du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst?

Ich bemerke sofort, dass sich in meinem Körper bestimmte Muskelpartien anspannen, sich Schultern und Nacken verkrampfen und sich eine innere Unruhe ausbreitet, so dass Entspannung nicht mehr möglich ist. Darüber hinaus manifestiert sich ein dicker Angstkloß in meinem Bauch. Filme laufen vor meinem inneren Auge ab: Mein Kind wird in ein Auto gezerrt…sitzt irgendwo weinend, allein, eingesperrt, voller Angst…oder ich sehe sie von einem Auto überrollt reglos auf der Straße liegen… Spätestens dann muss ich sämtliche Kräfte aufwänden, um diese Bilder  irgendwie zu verdrängen – mit lauter Musik, mit Staubsaugen, mit Anrufen bei einer Freundin oder bei meiner Mutter – bloß nicht weiter darüber nachdenken…

Wenn ich den Gedanken glaube, will ich mein Kind überhaupt nicht loslassen, es überall hin begleiten, es nicht aus den Augen lassen. Ich behandle es wie einen kostbaren Schatz, den ich behüten muss. Und ich glaube, dass es sich selbst nicht schützen kann. In meinem Kopf wirkt mein Kind in diesen Momenten sehr klein, sehr schutzlos, der großen unberechenbaren Welt und den Menschen ausgeliefert.

Ich glaube, dass ich meines Lebens nicht mehr froh werde, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Die Trauer, die ich verspüre, wenn ich den Satz denke, zerreißt mich fast. Mit dem Satz führe ich ein Leben in kompletter Abhängigkeit zu meinem Kind. Die Berechtigung, ohne mein Kind ein glückliches Leben zu führen, scheint es nicht zu geben. Das bedeutet darüber hinaus, dass ich mein Kind unbewusst für mein Glück verantwortlich mache – etwas, was es nie zu leisten imstande ist – d.h. ich überfordere mein Kind unbewusst – motiviert durch die Ängste, die mit dem Ausgangssatz einhergehen.

Außerdem habe ich Angst davor, versagt zu haben, wenn meinem Kind etwas zustoßen sollte. Ich habe Angst davor, Schuld zu haben, wenn etwas passiert – nicht richtig vorbereitet zu haben, nicht richtig hingeschaut zu haben. Die Idee, dass mein Kind leiden könnte und nicht versteht, warum ich nicht zu Hilfe komme, verursacht bei mir heftige Übelkeit, hilflose Angst und Zorn. Geschichten über Geschichten…

Mit dem Gedanken lebe ich in einer ständigen unbestimmten und unbewussten Spannung und in der Verantwortung für zwei Leben – für mein eigenes und für das meines Kindes. Das fühlt sich schwer an. Deshalb überkommt mich auch manchmal der sehr stressige Gedanke, dass ich mein Leben als Frau, Mutter und Berufstätige nicht meistern kann.

Der Gedanke bewirkt, dass ich die Realität und das Leben als nicht besonders freundlich wahrnehme.

Wenn ich den Gedanken nicht denken würde, befürchte ich, das Leben mit meinem Kind zu leicht zu nehmen – dass ich zu leichtsinnig sein könnte, in dem, was ich ihr zutraue, zu leichtsinnig in meinem Vertrauen zu ihr (was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich ihr nicht vertraue).

4.) Wer oder was wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken sehe ich, dass mein Kind ein sicheres Leben in einem sicheren Land lebt, umgeben von Familie, Freunden und netten Menschen, die alle Gutes wollen. Und ich sehe, dass ihm diese Sicherheit das Selbstvertrauen gibt, immer größere Kreise in dieser Welt zu ziehen und sich damit auch ein immer größer werdendes Netzwerk an Sicherheit und Wohlwollen zu weben, in dem es  sich bewegt.

Ohne den Gedanken bin ich weitaus verbundener mit dem Hier und Jetzt, mit dem, was wirklich in jedem einzelnen Moment passiert und viel weniger damit, was vielleicht und eventuell geschehen könnte. Wenn ich mit meiner Wahrnehmung im Hier und Jetzt bleibe, bin ich offen für alles, was passiert oder eben auch nicht passiert und suche nicht ständig unbewusst nach Beweisen für meine Befürchtungen.

Ohne den Gedanken wird mir klar, dass ich es nicht beeinflussen kann, ob meinem Kind etwas passiert – es liegt überhaupt nicht in meiner Hand: Es gibt nur die Wirklichkeit, das, was passiert oder nicht passiert. Es ist eine Illusion von mir zu glauben, ich könnte etwas verhindern. Es steht nicht in meiner Macht.

Ohne den Gedanken höre ich auf, sowohl Medienberichte o.ä. als auch mein eigenes Kopf-Kino auf mein Kind zu projizieren.

Ohne den Gedanken nehme ich gerade wahr, dass meinem Kind bisher noch nie etwas von dem passiert ist, was ich mir in meinen gestressten Kopf vorstelle. Ganze sechs Jahre lang passieren in meinem Kopf die schlimmsten Dinge mit meinem Kind – und die Realität sieht ganz anders aus! Die Wirklichkeit ist freundlich.

UMKEHRUNGEN:

(Für einige der Beispiele, die für mich die folgenden Umkehrungen wahr werden lassen, habe ich Wochen gebraucht,um sie denken zu können, bzw., bis sie mich denken konnten.)

  • Meinem Kind soll etwas passieren.

Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Wenn mein Kind krank ist und es ihm nicht gut geht, denke ich manchmal, es soll jetzt etwas passieren (vielleicht, dass es sich übergibt o.ä.), damit sich der schlechte Zustand ändert.

2. Wenn mein Kind scheinbar (d.h. in meiner Wahrnehmung) schlechte Laune hat oder nörgelig ist, habe ich auch schon den Gedanken gehabt, es solle ihm etwas passieren, dass es wieder aus dieser Laune herausholt, besonders, wenn ich selbst das Gefühl habe, ich kann nichts ausrichten.

3. Ja, meinem Kind soll das volle Leben passieren – mit allem Drum und Dran! Abenteuer, die Welt kennenlernen, Entwicklung, Wachstum, Freundschaft, Liebe – all das und noch viel mehr soll ihm passieren – und mein Kind soll alles aus vollem Herzen leben und genießen.

4. Ja! Denn alles, was meinem Kind passieren soll, wird geschehen. Mir wird klar, dass der Gedanke „Meinem Kind soll nichts passieren.“ keinerlei Einfluss darauf hat.

  • Mir soll nichts passieren.

Beipiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ja, mir soll nichts passieren, damit ich noch lange das Leben mit meinem Kind, meiner Familie und meinen Freunden genießen kann.

2. Mir soll nicht passieren, dass ich mich in den Geschichten in meinem Kopf verliere, die auftauchen, wenn ich den Gedanken habe „Meinem Kind soll nichts passieren.“.

3. Mir soll nicht passieren, dass ich erleben muss, dass meinem Kind etwas passiert. Genau das ist es, was ich mit dem Ausgangssatz für mich sicher stellen möchte: Ich will nicht erleben, dass etwas passiert, was ich scheinbar nicht ertragen kann. Im Grunde genommen ist der Ursprungssatz ohne diese Umkehrung gar nicht möglich – was bedeutet, dass diese Umkehrung wahrer ist als der Ausgangssatz.

4. Durch diese Umkehrung wird mir bewusst, wie wenig ich mich im Hier und Jetzt befinde, wenn ich in den Geschichten „Meinem Kind soll nichts passieren.“ und „Mir soll nichts passieren.“ stecke. Ich lebe dann in einer ständigen Angst vor einer vermeintlich bedrohlichen Zukunft und bin nicht aufmerksam für den aktuellen Moment, und den nächsten, und den nächsten…

Ein undankbares Thema

„Boah, wie undankbar!“ – Mit diesem Gedanken ertappe ich mich häufig und gerne, wenn ich meiner Tochter z.B. gerade ein Überraschungs-Ei geschenkt habe und sie fünf Minuten später total wütend ist, weil ich mit ihr im Stockdunkeln und bei gefühlten -20 Grad Celsius nicht mehr auf den Spielplatz gehen will. Deshalb werde ich das Thema „Undankbarkeit“ in diesem Artikel mit The Work of Byron Katie hinterfragen. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?”

Meine Tochter sollte dankbarer sein für all das, was sie bekommt.

1. ) Ist das wahr? – Nein!

Wo kommt mein Nein her? – Irgendetwas in mir weiß, dass sie all das, was sie bekommt, genau so annehmen soll, wie sie es tut. Denn sie würde es gar nicht bekommen, wenn es nicht so sein sollte.

HINWEIS:

Wird die 1. Frage mit “Nein” beantwortet, geht man sofort weiter zur 3. Frage.

3.) Wie reagierst Du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst?

Ich werde sauer auf sie, wenn sie z.B. abends nörgelig ist, und ich denke, dass wir den ganzen Tag fast ausschließlich tolle Dinge in ihrem Sinne unternommen haben. Ich fühle mich nicht respektiert und gewürdigt von ihr. Dann beginne ich, Vorträge zu halten, wie dankbar sie sein sollte, zähle auf, was wir alles für sie tun und male ihr schreckliche Bilder von Kindern, denen es viel schlechter geht als ihr. Oft nörgle ich auch zurück, dass ich keine Lust habe, mir ihr Genörgle anzuhören, d.h., ich bin innerlich mit dem Gedanken „wie Du mir, so ich Dir“ beschäftigt und begebe mich dadurch in eine Art Wettstreit: Wer ist der bessere Nörgler und behält dadurch die Oberhand?

Ich behandle sie, als hätte sie von mir verlangt, etwas für sie zu tun und bemerke nicht mehr, dass mein Handeln immer allein meine Entscheidung ist.

Ich behandle mich, als sei mein Seelenheil abhängig von ihrer Dankbarkeit. Und ich behandle unser Verhältnis wie ein Vertragsverhältnis, in dem „gute Behandlung gegen Dankbarkeit“ vereinbart wurde.

Ich befürchte, dass sie ein verwöhntes Prinzesschen werden könnte, dass alles als selbstverständlich ansieht, was sie bekommt – und dass sie von anderen aufgrund ihres Egoismus abgelehnt wird. Ich will unbewusst, dass sie den Glaubenssatz „Man muss Dankbarkeit zeigen, um sich das Wohlwollen von anderen zu sichern.“ auch glaubt, so wie ich ihn glaube, ohne ihn je hinterfragt zu haben.

Wenn ich den Gedanken denke, bin ich nicht in der Lage, das, was ich ihr an Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit widme, losgelöst zu sehen von ihrer Reaktion. Ich denke dann, dass ich alles doch nur für sie tue und meine Bedürfnisse deshalb zurück stellen muss. Ich spüre überhaupt nicht mehr, wie sehr es mich erfüllt, wenn meine Liebe zu ihr einfach nur bedingungslos fließt, wie nah wir uns sind, wenn all das, was wir uns Gutes tun, selbstverständlich ist und nicht hinterfragt wird und ich vollkommen unabhängig von ihrer Reaktion handele.

Wenn ich den Gedanken denke, kommt es mir so vor, als stünden wir ständig in der Schuld des anderen – und das fühlt sich unfrei und schwer an.

4.) Wer (oder was) wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken habe ich eine riesige Lust dazu, meiner Tochter so viel Freude und Spaß zu bereiten wie möglich – einfach, weil es mich erfüllt und mir total gut damit geht!

Und es wird mir plötzlich klar, dass ich alles, was ich tue, für mich tue – nicht für sie. Sie hat mit all dem überhaupt nichts zu tun. Ich tue Dinge (auch die, die ihr Freude machen), weil ICH sie tun will. „Etwas für sie tun“ ist eine Illusion. Ich kann gar nichts für sie tun, und das ist auch gut so. Denn indem ich bewusst wahrnehme, dass ich alles für mich tue, werde ich unabhängig von ihrer Reaktion, kann sie also in jedem Moment als kompletten Menschen wahrnehmen, der ebenfalls alles für sich tut, losgelöst von den Reaktionen anderer Menschen – auch von meiner.

Ohne den Gedanken kann ich sie bedingungslos liebhaben.

Solange ich nicht den Gedanken denke, „Meine Tochter sollte dankbarer sein, für all das, was sie bekommt.“, ist alles in bester Ordnung, und ich fühle mich mit ihr verbunden. Diese Verbundenheit wird dann auch nicht durch ihr „Nörgeln“ zerstört, da ich es nicht als respektlose Reaktion auf meine Mühen interpretiere. Ich sehe einfach nur ihren Stress mit etwas, mit dem ich nichts zu tun habe – und das macht wiederum mich frei, entsprechend „ungestresst“ darauf zu reagieren.

UMKEHRUNGEN:

  • Meine Tochter sollte nicht dankbarer sein für all das, was sie bekommt.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ich habe ihr am letzten Freitag eine Entscheidung ausgeredet, eine Freundin nicht zum Geburtstag einzuladen, die „gemein“ zu ihr war, weil ich die Ausladung zu hart fand. Ehrlich gesagt, war meine Tochter in diesem Augenblick viel klarer als ich – und für meine Einmischung sollte sie nicht dankbarer sein.

2. Ich habe sie in einer Sportgruppe angemeldet, weil ich dachte, es würde ihr gut tun und gefallen. Ihr hat es dort von Anfang an überhaupt nicht gefallen. Sie ist aber tapfer fünfmal hingegangen, weil ich ihr immer wieder gesagt habe, dass es ihr nach einiger Zeit dort sicher gefallen würde. Hat’s aber nicht! Für meine gut gemeinte Besserwisserei sollte sie mir nicht dankbarer sein.

3. Manchmal denke ich mir ein bestimmtes Programm für sie und mich nach der Kita aus…und oft denke ich dabei sehr in meinen eigenen Bequemlichkeits-Kategorien (…jemanden zum Quatschen haben, Kaffee in der Nähe, bloß nicht zu anstrengend…). Dafür sollte sie mir nicht dankbarer sein.

  • Ich sollte dankbarer sein für all das, was sie bekommt.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Vor Weihnachten wurde die Kita-Gruppe meiner Tochter für ca. 4 Wochen in eine Ersatz-Kita ausgelagert, die weiter von unserem Wohnort entfernt lag, als die „richtige“ Kita. Ich fand es ziemlich umständlich und nervig, sie jeden Morgen dorthin zu bringen und nachmittags abzuholen. Dabei funktionierte der von uns eingerichtete Eltern-Bring- und Abholdienst eigentlich ganz gut. Dafür hätte ich gut und gerne dankbarer sein sollen, als ich es war.

2. Meine Tochter wird zu vielen Geburtstags-Partys ihrer Freunde eingeladen. Manchmal finde ich das damit verbundene Geschenke aussuchen und kaufen lästig und denke oft, dass diese Tage zu anstrengend für sie sind, sie abends viel zu aufgedreht ist, nicht rechtzeitig ins Bett kommt und dann am folgenden Tag nicht richtig ausgeschlafen ist. Dabei übersehe ich total ihre Freude an den Einladungen, an ihren Freunden, am Schenken und an den Partys – und dafür sollte ich wirklich dankbarer sein.

3. Meine Tochter ist gesund und total munter, begreift unglaublich schnell,  ist fast immer gut gelaunt, singt und plaudert wie ein Wasserfall, macht so viele Dinge selbstständig und alleine, hat zahlreiche Freunde, bringt mich in Bewegung und oft zum Lachen, zeigt mir immer wieder neue Blickwinkel auf die Welt – ist eine unermessliche Bereicherung in meinem Leben: Und dafür sollte ich dankbarer sein!

Sind Kinder zu laut?

Heute Nachmittag, an dem ich mit fünf fünfjährigen Mädels unterwegs war, tauchte er plötzlich wieder in meinem Kopf auf – der Gedanke: „Ich werde wahnsinnig. Sie sind einfach zu laut.“  Und weil das nicht das erste Mal ist, dass ich diesen Satz denke und in diesen Momenten überzeugt davon bin, dass er stimmt, werde ich ihn in diesem Artikel mit The Work of Byron Katie hinterfragen. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?”

“Kinder sind zu laut.”

1. Ist das wahr? – Ja!

2. Kannst Du absolut sicher sein, dass das wahr ist? - Nein! (Interessant! Ich glaube es zwar, aber absolut sicher bin ich nicht, dass es wahr ist.)

3. Wie reagierst Du, was passiert, wenn Du diesen Gedanken glaubst?

Es gibt sehr wahrnehmbare körperliche Symptome: meine Ohren beginnen zu klingeln, ich kneife die Augen zusammen und spanne meine Schultern an, bzw. ziehe sie hoch.

Ich werde innerlich aggressiv und verspüre sehr schnell den Impuls, „RUHE“ zu brüllen, und sie möglichst mit meinem Gebrüll zu übertönen und zu erschrecken, um sie schnell zum Verstummen zu bringen.  Was ich häufig tatsächlich tue, ist, die Kinder ständig vermeintlich freundlich zu ermahnen, doch bitte etwas leiser zu sein. Außerdem versuche ich, plausible Erklärungen zu finden, warum sie leiser sein sollten.

Manchmal ist es mir anderen Menschen gegenüber peinlich, wenn die Kinder so laut sind. Ich habe das Gefühl, sie stören andere Menschen. Sie könnten denken, dass „meine“ Kinder schlecht erzogen sind, und ich bin doch verantwortlich für die Erziehung. Ich bin die Große und muss die Kleinen doch im Griff haben. Mit diesen Gedanken setze mich selbst unter Druck und glaube, dass ich etwas falsch mache.  Zur gleichen Zeit verurteile ich mich aber auch dafür, dass ich nicht entspannt bleibe, ständig „rumnörgle“ und den Kids ihren lautstarken Spaß nicht einfach lassen kann.

Ich behandle die Kinder in diesen Momenten so, als seien sie von einem anderen Planeten und als würden sie eine andere Sprache sprechen als ich. Ich denke, dass sie für die Erwachsenen-Sprache nicht zugänglich sind. Irgendwann nach der gefühlt hundertsten Ermahnung  habe ich oft das Gefühl, dass es zwecklos ist, überhaupt etwas zu sagen, da fast nie die Reaktion eintritt, die ich so gerne erreichen möchte.

Meistens fühle ich mich dabei ziemlich hilflos und versuche, dass nach außen nicht zu zeigen.

Ich suche Verbündete, d.h. andere Eltern und bin erleichtert, wenn auch sie genervt sind von dem „Lärm“ und froh, wenn wir uns mit fatalistischen Witzchen davon ablenken können, dass wir eigentlich nicht wissen, wie wir unsere Kinder ruhig bekommen können.

4. Wer (oder was) wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken sehe ich die unfassbare Lebendigkeit und Lebensfreude der Kinder, die sie ohne Scheu und Scham lautstark zum Ausdruck bringen. Neue Spiel-Ideen, Geschichten und Erinnerungen purzeln im Sekundentakt aus meistens mehreren Mündern gleichzeitig – was für ein kreativer Output – nehme ich hier ohne den Gedanken wahr. Ich sehe auf einmal die Echtheit und Authentizität, die in dieser vermeintlichen Laustärke steckt. Unverstellt und mit ihrer ganzen Kraft bewegen sich Kinder durch ihre Welt, unbedarft und arglos. Ohne den Gedanken ist ihre sprühende Energie ansteckend. Ich bemerke gerade, dass ich seit einigen Sekunden vor mich hin lächle und den Impuls verspüre, einfach mit zu krakeelen. Außerdem verschiebt sich mein Fokus: Das Thema Lautstärke wird weitaus unwichtiger als es vorher war.

UMKEHRUNGEN:

  • Kinder sind nicht zu laut.

3 Beispiele, wie die Umkehrung für mich wahr oder sogar wahrer sein kann:

1. Wenn man ihnen Geschichten von den „Olchis“ vorliest.

2. Wenn sie konzentriert malen oder basteln, Buchstaben/Zahlen schreiben oder ihr erstes Musikspiel aufführen.

3. Wenn sie schlafen.

  • Ich bin zu laut.

3 Beispiele, wie die Umkehrung für mich wahr oder sogar wahrer sein kann:

1. Ich bin zu laut, wenn ich mit den Kindern schimpfe, weil ich denke, sie sind zu laut.

2. Ich bin zu laut, wenn mein Wunsch an die Kinder nicht klar ist, sondern ich nur recht haben will.

3. Ich bin zu laut, wenn ich hilflos bin, und denke, ich muss mich bei den Kindern durchsetzen.

  • Kinder sind zu leise.

3 Beispiele, wie die Umkehrung für mich wahr oder sogar wahrer sein kann:

1. Wenn ich mittags in die Kita komme und die Kinder dort beim Essen sitzen, ist es fast unheimlich, wie leise fast 20 Kinder miteinander sein können.

2. Wenn meine Tochter mehrere Tage nicht zu Hause ist, ist sie mir zu leise. :-)

3. Im letzten Sommer waren bei einem Picknick im Park plötzlich mehrere Kinder verschwunden. Wir Erwachsenen wurden darauf aufmerksam, da die Kinder „zu leise“ waren.

Sollte mein Kind tun, was ich ihm sage?

In diesem Artikel hinterfrage ich den häufig gedachten Satz „Meine Tochter tut oft nicht, was ich ihr sage.“ mit The Work of Byron Katie. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?“

“Meine Tochter tut oft nicht, was ich ihr sage.”

1. Ist das wahr? – Ja!

2. Kannst Du absolut sicher sein, dass das wahr ist? – Ja!

3. Wie reagierst Du, was passiert, wenn Du diesen Gedanken glaubst?

Ich ärgere mich über sie, fühle mich weder ernst genommen, noch respektiert.

Ich versuche, über ständige Wiederholungen meiner Bitten und über zunehmende Lautstärke zu erreichen, dass sie das tut, was ich ihr sage. Gleichzeitig finde ich es furchtbar, dass ich mich so anhöre, wie eine CD, die an einer Stelle hängen geblieben ist und verurteile mich sowohl dafür, als auch für mein „Rumgezeter“. Ich verurteile mich innerlich als hysterisch, unfähig, un-entspannt und gehe in diesen Momenten wenig freundlich mit mir selbst um.

Meine Tochter behandle ich ebenfalls schlecht, indem ich mich über sie stelle und so tue, als wüsste ich, dass es das Beste für sie sei, genau das zu tun, was ich sage. Ich glaube – in aller Unschuld – dass ich recht habe.

Ich behandle meine Tochter in diesen Momenten unbewusst sogar so, als sei sie meine Feindin, gegen die ich kämpfen muss, der ich beweisen will, dass ich stärker bin und besser Bescheid weiß.

Ich glaube, dass ich mich durchsetzen muss.

Ich glaube, dass das, was ich da tue, Erziehung ist, und dass ich meine Tochter erziehen muss.

Ich befürchte, dass sie etwas Wichtiges nicht lernt, was ihr später im Leben fehlen könnte – und das wäre dann meine Verantwortung.

Wenn sie nicht das tut, was ich ihr sage, fürchte ich um unsere enge Verbindung. Ich habe Angst, sie zu verlieren, weil sie vermeintlich nicht auf mich hört.

Wenn ich genervt davon bin, dass sie nicht tut, was ich sage, bin ich nicht in der Lage, sie wirklich zu sehen und zu begreifen, dass sie vielleicht gerade genauso in eine ihrer eigenen Welten abgetaucht ist wie ich es selbst bin, dass auch sie vielleicht gerade denkt, dass sie recht hat; oder dass sie schlicht und einfach nicht versteht, was ich ihr vermitteln möchte. Ich bin weiterhin nicht in der Lage zu akzeptieren, dass es sie einfach gerade nicht interessiert, was ich sage und zu erkennen, wie oft mich etwas nicht interessiert, was sie sagt oder was andere Menschen mir sagen.

Und ich kann auch nicht sehen, dass das „nicht Gehorchen“ meiner Tochter nichts mit mir und meiner Person zu tun hat. Sie re(-agiert) gerade lediglich nicht so, wie es meinen Erwartungen entspricht – und diese haben wiederum nichts mit ihr zu tun.

All das passiert in mir, wenn ich den einen Gedanken „Meine Tochter tut oft nicht das, was ich ihr sage.“ glaube.

4. Wer (oder was) wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken halte ich die gesamte Situation im Blick und fokussiere nicht nur dahingehend, dass meine Erwartungen so schnell wie möglich erfüllt werden.

Ohne den Gedanken verändert sich meine Haltung: Es geht nicht mehr um Erwartungserfüllung, sondern um Absprache und Organisation unseres gemeinsamen Lebens. Ich erkenne in meiner Tochter wieder den kleinen Menschen mit seiner eigenen – kindlichen – Wahrnehmung der Welt. In dieser haben zahlreiche Glaubenssätze, die ich habe, z.B. über das Zähneputzen, die Schlafenszeit, das Aufräumen etc. keinen hohen Stellenwert.

Ohne den Gedanken bin ich flexibler und kreativer in meinem Handeln, weil ich nicht beweisen will, dass ich recht habe. Ich kann mich leichter in die Wahrnehmungswelt meiner Tochter begeben und sie dort abholen.

Ohne den Gedanken tritt nicht ein, was ich, wenn ich den Gedanken „Meine Tochter tut oft nicht das, was ich sage.“ glaube, am meisten fürchte: Ich bin viel mehr bei mir selbst und fühle mich dadurch ebenfalls weitaus verbundener mit meiner Tochter.

UMKEHRUNGEN:

  • Meine Tochter tut oft das, was ich ihr sage.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Meine Tochter hat sich noch nie ihre Zähne nicht geputzt.

2. Meine Tochter rührt den Kuchenteig genauso, wie ich es ihr sage.

3. Meine Tochter wackelt jeden Morgen vergnügt mit Mama oder Papa in die Kita, wenn wir sagen, dass es Zeit dafür ist.

  • Ich tue oft nicht das, was ich mir sage.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ich sage mir abends oft, ich sollte ein Buch lesen und lande doch vor dem Fernseher.

2. Ich sage mir oft, ich sollte mehr Sport machen und tue es nicht.

3. Ich sage mir oft, ich sollte mehr Gemüse essen und tue es oft nicht.

  • Ich tue oft nicht das, was ich ihr sage.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ich esse oft Süßigkeiten, obwohl ich ihr sage, es sei ungesund.

2. Ich sage ihr oft, sie soll nicht so laut sein und bin selber laut, wenn sie nicht tut, was ich ihr sage.

3. Ich sage ihr oft, sie soll jede Speise probieren und esse viele Dinge selbst nicht.

  • Ich tue oft nicht das, was meine Tochter mir sagt.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ich höre ihr oft nicht aufmerksam zu, wenn sie es gerne möchte.

2. Ich spiele oft nicht mit ihr, wenn sie mich dazu auffordert.

3. Ich gebe ihr oft keine Süßigkeiten, wenn sie es gerne möchte.