Works 2011

Sind Kinder zu laut?

Heute Nachmittag, an dem ich mit fünf fünfjährigen Mädels unterwegs war, tauchte er plötzlich wieder in meinem Kopf auf – der Gedanke: „Ich werde wahnsinnig. Sie sind einfach zu laut.“  Und weil das nicht das erste Mal ist, dass ich diesen Satz denke und in diesen Momenten überzeugt davon bin, dass er stimmt, werde ich ihn in diesem Artikel mit The Work of Byron Katie hinterfragen. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?”

“Kinder sind zu laut.”

1. Ist das wahr? – Ja!

2. Kannst Du absolut sicher sein, dass das wahr ist? - Nein! (Interessant! Ich glaube es zwar, aber absolut sicher bin ich nicht, dass es wahr ist.)

3. Wie reagierst Du, was passiert, wenn Du diesen Gedanken glaubst?

Es gibt sehr wahrnehmbare körperliche Symptome: meine Ohren beginnen zu klingeln, ich kneife die Augen zusammen und spanne meine Schultern an, bzw. ziehe sie hoch.

Ich werde innerlich aggressiv und verspüre sehr schnell den Impuls, „RUHE“ zu brüllen, und sie möglichst mit meinem Gebrüll zu übertönen und zu erschrecken, um sie schnell zum Verstummen zu bringen.  Was ich häufig tatsächlich tue, ist, die Kinder ständig vermeintlich freundlich zu ermahnen, doch bitte etwas leiser zu sein. Außerdem versuche ich, plausible Erklärungen zu finden, warum sie leiser sein sollten.

Manchmal ist es mir anderen Menschen gegenüber peinlich, wenn die Kinder so laut sind. Ich habe das Gefühl, sie stören andere Menschen. Sie könnten denken, dass „meine“ Kinder schlecht erzogen sind, und ich bin doch verantwortlich für die Erziehung. Ich bin die Große und muss die Kleinen doch im Griff haben. Mit diesen Gedanken setze mich selbst unter Druck und glaube, dass ich etwas falsch mache.  Zur gleichen Zeit verurteile ich mich aber auch dafür, dass ich nicht entspannt bleibe, ständig „rumnörgle“ und den Kids ihren lautstarken Spaß nicht einfach lassen kann.

Ich behandle die Kinder in diesen Momenten so, als seien sie von einem anderen Planeten und als würden sie eine andere Sprache sprechen als ich. Ich denke, dass sie für die Erwachsenen-Sprache nicht zugänglich sind. Irgendwann nach der gefühlt hundertsten Ermahnung  habe ich oft das Gefühl, dass es zwecklos ist, überhaupt etwas zu sagen, da fast nie die Reaktion eintritt, die ich so gerne erreichen möchte.

Meistens fühle ich mich dabei ziemlich hilflos und versuche, dass nach außen nicht zu zeigen.

Ich suche Verbündete, d.h. andere Eltern und bin erleichtert, wenn auch sie genervt sind von dem „Lärm“ und froh, wenn wir uns mit fatalistischen Witzchen davon ablenken können, dass wir eigentlich nicht wissen, wie wir unsere Kinder ruhig bekommen können.

4. Wer (oder was) wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken sehe ich die unfassbare Lebendigkeit und Lebensfreude der Kinder, die sie ohne Scheu und Scham lautstark zum Ausdruck bringen. Neue Spiel-Ideen, Geschichten und Erinnerungen purzeln im Sekundentakt aus meistens mehreren Mündern gleichzeitig – was für ein kreativer Output – nehme ich hier ohne den Gedanken wahr. Ich sehe auf einmal die Echtheit und Authentizität, die in dieser vermeintlichen Laustärke steckt. Unverstellt und mit ihrer ganzen Kraft bewegen sich Kinder durch ihre Welt, unbedarft und arglos. Ohne den Gedanken ist ihre sprühende Energie ansteckend. Ich bemerke gerade, dass ich seit einigen Sekunden vor mich hin lächle und den Impuls verspüre, einfach mit zu krakeelen. Außerdem verschiebt sich mein Fokus: Das Thema Lautstärke wird weitaus unwichtiger als es vorher war.

UMKEHRUNGEN:

  • Kinder sind nicht zu laut.

3 Beispiele, wie die Umkehrung für mich wahr oder sogar wahrer sein kann:

1. Wenn man ihnen Geschichten von den „Olchis“ vorliest.

2. Wenn sie konzentriert malen oder basteln, Buchstaben/Zahlen schreiben oder ihr erstes Musikspiel aufführen.

3. Wenn sie schlafen.

  • Ich bin zu laut.

3 Beispiele, wie die Umkehrung für mich wahr oder sogar wahrer sein kann:

1. Ich bin zu laut, wenn ich mit den Kindern schimpfe, weil ich denke, sie sind zu laut.

2. Ich bin zu laut, wenn mein Wunsch an die Kinder nicht klar ist, sondern ich nur recht haben will.

3. Ich bin zu laut, wenn ich hilflos bin, und denke, ich muss mich bei den Kindern durchsetzen.

  • Kinder sind zu leise.

3 Beispiele, wie die Umkehrung für mich wahr oder sogar wahrer sein kann:

1. Wenn ich mittags in die Kita komme und die Kinder dort beim Essen sitzen, ist es fast unheimlich, wie leise fast 20 Kinder miteinander sein können.

2. Wenn meine Tochter mehrere Tage nicht zu Hause ist, ist sie mir zu leise. :-)

3. Im letzten Sommer waren bei einem Picknick im Park plötzlich mehrere Kinder verschwunden. Wir Erwachsenen wurden darauf aufmerksam, da die Kinder „zu leise“ waren.

1 Kommentar zu „Sind Kinder zu laut?“

  • Ralf:

    Liebe Martina,
    du hast echt großartige Ideen! Ein Tagebuch mit den Works zu einem bestimmten Thema zu veröffentlichen: Wunderbar!! Rabeneltern und Rotzlöffel: Wie cool ist das denn :) )) Wünsche dir von ganzem Herzen viel Erfolg damit – auf dass alle Kitas dieser Welt von dieser Idee erfahren :) )!!
    Alles Liebe
    Ralf

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