Works 2011

Ein undankbares Thema

„Boah, wie undankbar!“ – Mit diesem Gedanken ertappe ich mich häufig und gerne, wenn ich meiner Tochter z.B. gerade ein Überraschungs-Ei geschenkt habe und sie fünf Minuten später total wütend ist, weil ich mit ihr im Stockdunkeln und bei gefühlten -20 Grad Celsius nicht mehr auf den Spielplatz gehen will. Deshalb werde ich das Thema „Undankbarkeit“ in diesem Artikel mit The Work of Byron Katie hinterfragen. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?”

Meine Tochter sollte dankbarer sein für all das, was sie bekommt.

1. ) Ist das wahr? – Nein!

Wo kommt mein Nein her? – Irgendetwas in mir weiß, dass sie all das, was sie bekommt, genau so annehmen soll, wie sie es tut. Denn sie würde es gar nicht bekommen, wenn es nicht so sein sollte.

HINWEIS:

Wird die 1. Frage mit “Nein” beantwortet, geht man sofort weiter zur 3. Frage.

3.) Wie reagierst Du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst?

Ich werde sauer auf sie, wenn sie z.B. abends nörgelig ist, und ich denke, dass wir den ganzen Tag fast ausschließlich tolle Dinge in ihrem Sinne unternommen haben. Ich fühle mich nicht respektiert und gewürdigt von ihr. Dann beginne ich, Vorträge zu halten, wie dankbar sie sein sollte, zähle auf, was wir alles für sie tun und male ihr schreckliche Bilder von Kindern, denen es viel schlechter geht als ihr. Oft nörgle ich auch zurück, dass ich keine Lust habe, mir ihr Genörgle anzuhören, d.h., ich bin innerlich mit dem Gedanken „wie Du mir, so ich Dir“ beschäftigt und begebe mich dadurch in eine Art Wettstreit: Wer ist der bessere Nörgler und behält dadurch die Oberhand?

Ich behandle sie, als hätte sie von mir verlangt, etwas für sie zu tun und bemerke nicht mehr, dass mein Handeln immer allein meine Entscheidung ist.

Ich behandle mich, als sei mein Seelenheil abhängig von ihrer Dankbarkeit. Und ich behandle unser Verhältnis wie ein Vertragsverhältnis, in dem „gute Behandlung gegen Dankbarkeit“ vereinbart wurde.

Ich befürchte, dass sie ein verwöhntes Prinzesschen werden könnte, dass alles als selbstverständlich ansieht, was sie bekommt – und dass sie von anderen aufgrund ihres Egoismus abgelehnt wird. Ich will unbewusst, dass sie den Glaubenssatz „Man muss Dankbarkeit zeigen, um sich das Wohlwollen von anderen zu sichern.“ auch glaubt, so wie ich ihn glaube, ohne ihn je hinterfragt zu haben.

Wenn ich den Gedanken denke, bin ich nicht in der Lage, das, was ich ihr an Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit widme, losgelöst zu sehen von ihrer Reaktion. Ich denke dann, dass ich alles doch nur für sie tue und meine Bedürfnisse deshalb zurück stellen muss. Ich spüre überhaupt nicht mehr, wie sehr es mich erfüllt, wenn meine Liebe zu ihr einfach nur bedingungslos fließt, wie nah wir uns sind, wenn all das, was wir uns Gutes tun, selbstverständlich ist und nicht hinterfragt wird und ich vollkommen unabhängig von ihrer Reaktion handele.

Wenn ich den Gedanken denke, kommt es mir so vor, als stünden wir ständig in der Schuld des anderen – und das fühlt sich unfrei und schwer an.

4.) Wer (oder was) wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken habe ich eine riesige Lust dazu, meiner Tochter so viel Freude und Spaß zu bereiten wie möglich – einfach, weil es mich erfüllt und mir total gut damit geht!

Und es wird mir plötzlich klar, dass ich alles, was ich tue, für mich tue – nicht für sie. Sie hat mit all dem überhaupt nichts zu tun. Ich tue Dinge (auch die, die ihr Freude machen), weil ICH sie tun will. „Etwas für sie tun“ ist eine Illusion. Ich kann gar nichts für sie tun, und das ist auch gut so. Denn indem ich bewusst wahrnehme, dass ich alles für mich tue, werde ich unabhängig von ihrer Reaktion, kann sie also in jedem Moment als kompletten Menschen wahrnehmen, der ebenfalls alles für sich tut, losgelöst von den Reaktionen anderer Menschen – auch von meiner.

Ohne den Gedanken kann ich sie bedingungslos liebhaben.

Solange ich nicht den Gedanken denke, „Meine Tochter sollte dankbarer sein, für all das, was sie bekommt.“, ist alles in bester Ordnung, und ich fühle mich mit ihr verbunden. Diese Verbundenheit wird dann auch nicht durch ihr „Nörgeln“ zerstört, da ich es nicht als respektlose Reaktion auf meine Mühen interpretiere. Ich sehe einfach nur ihren Stress mit etwas, mit dem ich nichts zu tun habe – und das macht wiederum mich frei, entsprechend „ungestresst“ darauf zu reagieren.

UMKEHRUNGEN:

  • Meine Tochter sollte nicht dankbarer sein für all das, was sie bekommt.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ich habe ihr am letzten Freitag eine Entscheidung ausgeredet, eine Freundin nicht zum Geburtstag einzuladen, die „gemein“ zu ihr war, weil ich die Ausladung zu hart fand. Ehrlich gesagt, war meine Tochter in diesem Augenblick viel klarer als ich – und für meine Einmischung sollte sie nicht dankbarer sein.

2. Ich habe sie in einer Sportgruppe angemeldet, weil ich dachte, es würde ihr gut tun und gefallen. Ihr hat es dort von Anfang an überhaupt nicht gefallen. Sie ist aber tapfer fünfmal hingegangen, weil ich ihr immer wieder gesagt habe, dass es ihr nach einiger Zeit dort sicher gefallen würde. Hat’s aber nicht! Für meine gut gemeinte Besserwisserei sollte sie mir nicht dankbarer sein.

3. Manchmal denke ich mir ein bestimmtes Programm für sie und mich nach der Kita aus…und oft denke ich dabei sehr in meinen eigenen Bequemlichkeits-Kategorien (…jemanden zum Quatschen haben, Kaffee in der Nähe, bloß nicht zu anstrengend…). Dafür sollte sie mir nicht dankbarer sein.

  • Ich sollte dankbarer sein für all das, was sie bekommt.

3 Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Vor Weihnachten wurde die Kita-Gruppe meiner Tochter für ca. 4 Wochen in eine Ersatz-Kita ausgelagert, die weiter von unserem Wohnort entfernt lag, als die „richtige“ Kita. Ich fand es ziemlich umständlich und nervig, sie jeden Morgen dorthin zu bringen und nachmittags abzuholen. Dabei funktionierte der von uns eingerichtete Eltern-Bring- und Abholdienst eigentlich ganz gut. Dafür hätte ich gut und gerne dankbarer sein sollen, als ich es war.

2. Meine Tochter wird zu vielen Geburtstags-Partys ihrer Freunde eingeladen. Manchmal finde ich das damit verbundene Geschenke aussuchen und kaufen lästig und denke oft, dass diese Tage zu anstrengend für sie sind, sie abends viel zu aufgedreht ist, nicht rechtzeitig ins Bett kommt und dann am folgenden Tag nicht richtig ausgeschlafen ist. Dabei übersehe ich total ihre Freude an den Einladungen, an ihren Freunden, am Schenken und an den Partys – und dafür sollte ich wirklich dankbarer sein.

3. Meine Tochter ist gesund und total munter, begreift unglaublich schnell,  ist fast immer gut gelaunt, singt und plaudert wie ein Wasserfall, macht so viele Dinge selbstständig und alleine, hat zahlreiche Freunde, bringt mich in Bewegung und oft zum Lachen, zeigt mir immer wieder neue Blickwinkel auf die Welt – ist eine unermessliche Bereicherung in meinem Leben: Und dafür sollte ich dankbarer sein!

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