Works 2011

Dieser Gedanke ist eine richtig harte Nuss!

Seit mein Kind auf der Welt ist, bekomme ich in unregelmäßigen Abständen Panikanfälle, dass ihm etwas Schreckliches zustoßen könnte – insbesondere, wenn die Medien gerade wieder einen Fall von Kindesentführung und -missbrauch genüsslich ausschlachten. In zahlreichen Gesprächen mit anderen Eltern ist mir klar geworden, dass ich nicht die Einzige bin, die sich mit diesem äußerst stressvollen Thema herumschlägt. In diesem Artikel werde ich deshalb einen in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchenden Gedanken mit The Work of Byron Katie hinterfragen. Mehr zur Methode und zum Procedere finden Sie unter dem Menüpunkt „Was ist The Work?”

Meinem Kind soll nichts passieren.

1. ) Ist das wahr? – Ja!

2.) Kannst Du absolut sicher sein, dass das wahr ist? – Ja!

3.) Wie reagierst Du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst?

Ich bemerke sofort, dass sich in meinem Körper bestimmte Muskelpartien anspannen, sich Schultern und Nacken verkrampfen und sich eine innere Unruhe ausbreitet, so dass Entspannung nicht mehr möglich ist. Darüber hinaus manifestiert sich ein dicker Angstkloß in meinem Bauch. Filme laufen vor meinem inneren Auge ab: Mein Kind wird in ein Auto gezerrt…sitzt irgendwo weinend, allein, eingesperrt, voller Angst…oder ich sehe sie von einem Auto überrollt reglos auf der Straße liegen… Spätestens dann muss ich sämtliche Kräfte aufwänden, um diese Bilder  irgendwie zu verdrängen – mit lauter Musik, mit Staubsaugen, mit Anrufen bei einer Freundin oder bei meiner Mutter – bloß nicht weiter darüber nachdenken…

Wenn ich den Gedanken glaube, will ich mein Kind überhaupt nicht loslassen, es überall hin begleiten, es nicht aus den Augen lassen. Ich behandle es wie einen kostbaren Schatz, den ich behüten muss. Und ich glaube, dass es sich selbst nicht schützen kann. In meinem Kopf wirkt mein Kind in diesen Momenten sehr klein, sehr schutzlos, der großen unberechenbaren Welt und den Menschen ausgeliefert.

Ich glaube, dass ich meines Lebens nicht mehr froh werde, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Die Trauer, die ich verspüre, wenn ich den Satz denke, zerreißt mich fast. Mit dem Satz führe ich ein Leben in kompletter Abhängigkeit zu meinem Kind. Die Berechtigung, ohne mein Kind ein glückliches Leben zu führen, scheint es nicht zu geben. Das bedeutet darüber hinaus, dass ich mein Kind unbewusst für mein Glück verantwortlich mache – etwas, was es nie zu leisten imstande ist – d.h. ich überfordere mein Kind unbewusst – motiviert durch die Ängste, die mit dem Ausgangssatz einhergehen.

Außerdem habe ich Angst davor, versagt zu haben, wenn meinem Kind etwas zustoßen sollte. Ich habe Angst davor, Schuld zu haben, wenn etwas passiert – nicht richtig vorbereitet zu haben, nicht richtig hingeschaut zu haben. Die Idee, dass mein Kind leiden könnte und nicht versteht, warum ich nicht zu Hilfe komme, verursacht bei mir heftige Übelkeit, hilflose Angst und Zorn. Geschichten über Geschichten…

Mit dem Gedanken lebe ich in einer ständigen unbestimmten und unbewussten Spannung und in der Verantwortung für zwei Leben – für mein eigenes und für das meines Kindes. Das fühlt sich schwer an. Deshalb überkommt mich auch manchmal der sehr stressige Gedanke, dass ich mein Leben als Frau, Mutter und Berufstätige nicht meistern kann.

Der Gedanke bewirkt, dass ich die Realität und das Leben als nicht besonders freundlich wahrnehme.

Wenn ich den Gedanken nicht denken würde, befürchte ich, das Leben mit meinem Kind zu leicht zu nehmen – dass ich zu leichtsinnig sein könnte, in dem, was ich ihr zutraue, zu leichtsinnig in meinem Vertrauen zu ihr (was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich ihr nicht vertraue).

4.) Wer oder was wärest Du ohne den Gedanken?

Ohne den Gedanken sehe ich, dass mein Kind ein sicheres Leben in einem sicheren Land lebt, umgeben von Familie, Freunden und netten Menschen, die alle Gutes wollen. Und ich sehe, dass ihm diese Sicherheit das Selbstvertrauen gibt, immer größere Kreise in dieser Welt zu ziehen und sich damit auch ein immer größer werdendes Netzwerk an Sicherheit und Wohlwollen zu weben, in dem es  sich bewegt.

Ohne den Gedanken bin ich weitaus verbundener mit dem Hier und Jetzt, mit dem, was wirklich in jedem einzelnen Moment passiert und viel weniger damit, was vielleicht und eventuell geschehen könnte. Wenn ich mit meiner Wahrnehmung im Hier und Jetzt bleibe, bin ich offen für alles, was passiert oder eben auch nicht passiert und suche nicht ständig unbewusst nach Beweisen für meine Befürchtungen.

Ohne den Gedanken wird mir klar, dass ich es nicht beeinflussen kann, ob meinem Kind etwas passiert – es liegt überhaupt nicht in meiner Hand: Es gibt nur die Wirklichkeit, das, was passiert oder nicht passiert. Es ist eine Illusion von mir zu glauben, ich könnte etwas verhindern. Es steht nicht in meiner Macht.

Ohne den Gedanken höre ich auf, sowohl Medienberichte o.ä. als auch mein eigenes Kopf-Kino auf mein Kind zu projizieren.

Ohne den Gedanken nehme ich gerade wahr, dass meinem Kind bisher noch nie etwas von dem passiert ist, was ich mir in meinen gestressten Kopf vorstelle. Ganze sechs Jahre lang passieren in meinem Kopf die schlimmsten Dinge mit meinem Kind – und die Realität sieht ganz anders aus! Die Wirklichkeit ist freundlich.

UMKEHRUNGEN:

(Für einige der Beispiele, die für mich die folgenden Umkehrungen wahr werden lassen, habe ich Wochen gebraucht,um sie denken zu können, bzw., bis sie mich denken konnten.)

  • Meinem Kind soll etwas passieren.

Beispiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Wenn mein Kind krank ist und es ihm nicht gut geht, denke ich manchmal, es soll jetzt etwas passieren (vielleicht, dass es sich übergibt o.ä.), damit sich der schlechte Zustand ändert.

2. Wenn mein Kind scheinbar (d.h. in meiner Wahrnehmung) schlechte Laune hat oder nörgelig ist, habe ich auch schon den Gedanken gehabt, es solle ihm etwas passieren, dass es wieder aus dieser Laune herausholt, besonders, wenn ich selbst das Gefühl habe, ich kann nichts ausrichten.

3. Ja, meinem Kind soll das volle Leben passieren – mit allem Drum und Dran! Abenteuer, die Welt kennenlernen, Entwicklung, Wachstum, Freundschaft, Liebe – all das und noch viel mehr soll ihm passieren – und mein Kind soll alles aus vollem Herzen leben und genießen.

4. Ja! Denn alles, was meinem Kind passieren soll, wird geschehen. Mir wird klar, dass der Gedanke „Meinem Kind soll nichts passieren.“ keinerlei Einfluss darauf hat.

  • Mir soll nichts passieren.

Beipiele, die die Umkehrung für mich wahr machen:

1. Ja, mir soll nichts passieren, damit ich noch lange das Leben mit meinem Kind, meiner Familie und meinen Freunden genießen kann.

2. Mir soll nicht passieren, dass ich mich in den Geschichten in meinem Kopf verliere, die auftauchen, wenn ich den Gedanken habe „Meinem Kind soll nichts passieren.“.

3. Mir soll nicht passieren, dass ich erleben muss, dass meinem Kind etwas passiert. Genau das ist es, was ich mit dem Ausgangssatz für mich sicher stellen möchte: Ich will nicht erleben, dass etwas passiert, was ich scheinbar nicht ertragen kann. Im Grunde genommen ist der Ursprungssatz ohne diese Umkehrung gar nicht möglich – was bedeutet, dass diese Umkehrung wahrer ist als der Ausgangssatz.

4. Durch diese Umkehrung wird mir bewusst, wie wenig ich mich im Hier und Jetzt befinde, wenn ich in den Geschichten „Meinem Kind soll nichts passieren.“ und „Mir soll nichts passieren.“ stecke. Ich lebe dann in einer ständigen Angst vor einer vermeintlich bedrohlichen Zukunft und bin nicht aufmerksam für den aktuellen Moment, und den nächsten, und den nächsten…

1 Kommentar zu „Dieser Gedanke ist eine richtig harte Nuss!“

  • Ich habe vielleicht nicht all deine Kreationen geeehsn da ich ja erst Anfang des Jahres in “Bloggerland” angekommen bin aber das ist wirklich nur ein ganz kleiner Ausschnitt von all den tollen Sachen die du gemacht hast. Kannst richtig stolz auf deine schf6nen Werke sein!LG Rosi

Kommentieren